Für Män­ner die et­was riskieren

Eine be­son­dere Form des Coachings

Dr. Urs DudleDie­ser Ar­ti­kel er­schien in leicht ab­ge­än­der­ter Form un­ter dem Ti­tel “Ma­na­ger mit Cha­rak­ter” in Al­pha — der Ka­der­markt der Schweiz am 31. 5. 2003. Da der Au­tor ein Freund von mir ist und ich für den Män­ner­work­shop Si­mul­tan­über­set­zer bin, re­pro­du­ziere ich den Ar­ti­kel gerne hier auf mei­nem Blog. Mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung des Au­tors, Herrn Urs Dudle.

Män­ner­work­shops und Se­mi­nare mit Män­nern ent­fal­ten nach­haltige Wir­kung und das ge­rade auch im Hin­blick auf den Be­ruf. Durch ih­ren un­ge­wöhn­li­chen, di­rek­ten Ap­proach stel­len sol­che Work­shops eine spe­zi­elle und ef­fi­zi­ente aber sehr per­sön­li­che Form des Coa­chings dar.

“Neue Män­ner braucht das Land!” sang Ina De­ter vor ein paar Jah­ren in ih­rem Lied. In Zei­ten, wo das Ver­trauen in viele un­se­rer Wirt­schafts­ka­pi­täne er­schüt­tert ist, wird die­ser Ge­danke gerne wie­der auf­ge­nom­men. Die­ser et­was ra­di­kale Ruf mag in uns zwie­späl­tige Ge­fühle her­vor­ru­fen. Tat­sa­che bleibt aber, daß das Thema Mann viel un­ge­nutz­tes Po­ten­tial in sich birgt.

In die­sem Ar­ti­kel wer­den die wich­tigs­ten As­pekte der Män­ner­ar­beit aufge­zeichnet und ihre Be­zie­hung zu wirt­schaft­lich re­le­van­ten Wer­ten und Fä­hig­kei­ten dar­ge­stellt. Die­ser Ver­bin­dung ste­hen lei­der oft­mals Vor­ur­teile von bei­den Sei­ten im Wege. Rich­tig auf­ge­baut kann Män­ner­ar­beit für sich al­leine ste­hen oder ei­nem tra­di­tio­nel­len Coa­ching (von Führungskräf­ten) we­sent­li­che As­pekte bei­fü­gen, in­dem sie eine di­rekte Ver­bin­dung zum männ­li­chen Kern auf­baut. An­statt sich in Zie­len, Ana­ly­sen und Tech­nik zu ver­lie­ren steht die Echt­heit, die Au­then­ti­zi­tät im Zen­trum. Da­mit wer­den brach lie­gende En­er­gie­quel­len an­ge­zapft, per­sön­li­che wie kol­lek­tive, wo­bei vor al­lem letz­tere in Freund­schaft und Ge­mein­schaft wur­zeln. Erst aus der Echt­heit ent­steht wirk­li­che Klar­heit, Vi­sion und ein Verantwortungs­bewußtsein, als Chef, als Coach oder ein­fach als Vater.

Vorab noch ein kur­zes Wort zu den Frauen. Vie­les was hier ge­sagt wird, gilt na­tür­lich auch für Frauen, für die Mensch­heit über­haupt. Daß ich hier pri­mär von den Män­nern spre­che, hat da­mit zu tun, daß die spe­zi­fi­sche Ar­beit mit Män­nern das Schwer­ge­wicht auf ty­pi­sche männ­li­che Mus­ter le­gen und mit spe­zi­el­len Stra­te­gien und Me­tho­den der männ­li­chen Na­tur ent­ge­gen kom­men kann. Da­durch ent­steht ein Raum für Män­ner. Sin­ni­ger­weise ha­ben viele Frauen da­für oft mehr Ver­ständ­nis als Män­ner. Die meis­ten Frauen ha­ben näm­lich längst be­merkt, daß sie sich weib­li­che Räume als Res­sour­cen schaf­fen müs­sen. Im übri­gen wer­den auch die Re­sul­tate, die im männ­li­chen Raum ent­ste­hen, von den Part­ne­rin­nen häu­fig sehr ge­schätzt, auch wenn sich da­bei öfters her­aus­stellt, daß der kleine Un­ter­schied dann doch et­was grö­ßer aus­fällt, als Frau sich das ge­dacht hatte.

Das kon­tro­verse Thema von der männ­li­chen Identität

Be­gin­nen wir also kurz mit der Si­tua­tion von uns Män­nern heute. Die Spat­zen pfei­fen es längst von den Dä­chern, daß die al­ten Rol­len aus­ge­dient hät­ten und es man­gelt nicht an Kri­tik und An­fein­dun­gen. Gerne und nur allzu schnell krie­gen wir dann auch schon die Re­zepte vor­ge­setzt, wie nun Män­ner zu sein hät­ten. Presse und Fach­li­te­ra­tur ver­su­chen uns weis zu ma­chen, daß der neue Mann ge­rade hart oder eben ge­rade wie­der soft und ver­stän­dig sei, um nach ein paar Jah­ren das ge­naue Ge­gen­teil zu leh­ren. Trends eben, nichts wei­ter als Fah­nen im Wind, von neu ei­gent­lich keine Spur.

Ro­bert Bly hat in Ei­sen­hans1, sei­nem Klas­si­ker über Män­ner, ge­rade den an­de­ren Weg ge­nom­men. Er hat zwar ei­nen schar­fen Blick für die Ge­gen­wart, im wesent­lichen aber be­rich­tet er, wie Män­ner in der Ver­gan­gen­heit und in verschie­denen Kul­tu­ren ge­lebt ha­ben re­spek­tive im­mer noch le­ben. Es fin­den sich er­staun­li­che Ge­mein­sam­kei­ten aber auch Un­ter­schiede. An­hand des Grimm-Märchens Ei­sen­hans un­ter­sucht er die ver­schie­de­nen Sta­dien, die ein Mann ty­pi­scher­weise in sei­ner Ent­wick­lung durch­läuft, nennt Bei­spiele da­für und il­lus­triert, wie sol­che Pha­sen in ver­schie­de­nen kul­tu­rel­len Um­fel­dern ge­hand­habt wurden.

Spä­tes­tens hier kann es Mann däm­mern: statt sich über ei­nen stu­pi­den einsei­tigen Trend zu de­fi­nie­ren scheint Männ­lich­keit viel mehr Breite und Tiefe ein­zu­schlie­ßen. Alle Mo­delle von Männ­lich­keit ha­ben na­tür­lich ihre Gren­zen, aber wenn wir schon ei­nes be­nut­zen, dann zum Bei­spiel je­nes, das aus dem Kreis der vier gän­gigs­ten männ­li­chen Ar­che­ty­pen be­steht. Auf der ei­nen Seite steht da der Vater/König/Chef, der Ver­ant­wor­tung trägt. Er hat Macht und Au­to­ri­tät, be­wahrt und schützt die gro­ßen Werte. Ihm ge­gen­über steht als Kon­trast der Sohn/Liebhaber/Künstler. Er bin­det sich nicht, lehnt Verantwort­ung ab, stellt vä­ter­li­che Au­to­ri­tät in Frage, macht was ihm paßt. Seine Stärke ist die Kreativität.

Die dritte Fi­gur ist der Krieger/Macher/Manager. Er ist völ­lig handlungs­orientiert, prescht in ei­nem un­bän­di­gen Tempo voran, ist sich häu­fig nicht wirk­lich be­wußt, was er da ge­rade an­stellt. Ihm ge­gen­über steht der Magier/Weise/Wissenschaftler der den Durch­blick für Sach­lage hat, aber ge­rade des­halb sich oft nicht ent­schei­den kann oder will, weil ihm die Dinge ein­fach zu kom­plex erscheinen.

Als Bei­spiel zeigt die nach­fol­gende Ta­belle diese vier gän­gigs­ten männ­li­chen Ar­che­ty­pen aus dem un­ter­neh­me­ri­schen Blickwinkel.

Typ Stär­ken Schwä­chen
Chef, Un­ter­neh­mer
(Va­ter, König)
Trägt Ver­ant­wor­tung, in­te­griert, ent­schei­det, leitet, Au­to­ri­tä­res Ge­ba­ren, Machtmiß­brauch, ein­sei­ti­ger Top-Down-Approach
Schöp­fer, Crea­tor
(Sohn, Künstler)
Krea­ti­vi­tät, Fin­den neuer Lö­sun­gen, stellt Struk­tu­ren und Ent­schei­dun­gen in Frage Ei­gen­sinn und feh­lende Ein­ord­nung, man­gelnde wirt­schaft­li­che Ausrichtung
Ma­na­ger, Ma­cher
(Krieger)
Han­delt, setzt um, Ta­ten statt Worte Blin­der Ak­tio­nis­mus, chro­ni­sche Reorganisation
Wis­sen­schaft­ler, Con­sul­tant
(Ma­gier, Weiser)
Ex­ak­ter Ana­ly­ti­ker, gu­ter Be­ra­ter, Wissensträger Man­gelnde Ef­fi­zi­enz und Um­set­zung, zu kompliziert

Ar­che­ty­pen exis­tie­ren be­kannt­lich nie als Men­schen. Ein Cha­rak­ter ist im­mer eine Mi­schung aus die­sen Ty­pen. Im Ver­laufe der Zeit aber auch je nach Si­tua­tion ändert sich diese. Männ­lich­keit muß man also des­halb als dy­na­mi­schen Pro­zeß ver­ste­hen, der im Span­nungs­feld z.B. die­ser 4 grund­sätz­li­chen Arche­typen statt­fin­det. Die in­di­vi­du­elle Mi­schung ist an­fäng­lich oft ein­sei­tig, ändert sich si­tua­tiv und im Ver­laufe der Ent­wick­lung oft dras­tisch und in­te­griert im bes­ten Fall die Ge­gen­sätze zu ei­nem har­mo­ni­schen Ganzen.

Statt ein­sei­ti­ger Cha­rak­tere sind heute in der Wirt­schaft team­fä­hige Chefs, öko­no­misch den­kende Wis­sen­schaft­ler und fach­kom­pe­tente Ma­na­ger ge­fragt. Auch in der Män­ner­ar­beit geht es nicht um das ein­sei­tige Trai­ning be­stimm­ter Ei­gen­schaf­ten, wie das oft­mals sonst an­ge­bo­ten wird, son­dern um ein differen­ziertes Zu­sam­men­spiel der männ­li­chen Mög­lich­kei­ten zu fin­den. Statt sich mo­no­man ei­ner Stra­te­gie zu ver­schrei­ben geht es viel mehr darum, die Breite und Va­ria­bi­li­tät der ei­ge­nen Per­sön­lich­keit zu ent­de­cken und da­mit neue Res­sour­cen anzuzapfen.

Angst und Lüge ver­sus In­te­gri­tät und Transparenz

Diese Res­sour­cen wer­den aber erst dann wirk­lich po­si­tiv wirk­sam, wenn sie sich mit In­te­gri­tät und Wahr­heit ver­bin­den. An­sons­ten ge­hen diese Qua­li­tä­ten in der per­sön­li­chen Schwä­che oder in per­sön­li­chen Macht­spie­len un­ter. Trans­pa­renz ist hier das Stich­wort. Spä­tes­tens dann, wenn der rechte Arm ei­ner Un­ter­neh­mung nicht mehr weiß was der linke tut, un­ter­gräbt das Ef­fi­zi­enz und Er­geb­nis nach­hal­tig. Hun­dert kleine Lü­gen er­ge­ben am Ende eine große Lüge. Die öko­no­mi­sche Quit­tung da­für folgt be­stimmt. Wahr­heit und Trans­pa­renz aber müs­sen wir sel­ber schaf­fen, statt ver­geb­lich auf un­se­ren Vor­ge­setz­ten zu war­ten. Nie­mand sonst steht da­für ein, wenn nicht ge­rade ich heute und jetzt. Die Fol­gen kön­nen po­si­tiv sein, doch im Ex­trem­fall kann mich das auch mei­nen Job kos­ten. Ga­ran­tien gibt es keine.

Hier steht je­der von uns ner­vös an ei­ner Schwelle. Angst heißt diese Schwelle. Da­von re­det man im Coa­ching­be­reich nicht gerne, weil es zu ne­ga­tiv klingt. Angst hat tau­send Ge­sich­ter: Ner­vo­si­tät, Do­mi­nanz, fal­sches Selbst­be­wußt­sein, glän­zende vor­der­grün­dige Zah­len, hek­ti­sche Ak­ti­vi­tät, Zi­ga­rette und al­les an­dere kleine und große süch­tige Ver­hal­ten in­klu­sive dem Wor­kaho­lis­mus. Ent­ge­gen der häu­fig von Fach­leu­ten ver­tre­te­nen Auf­fas­sung, bin ich der fes­ten Über­zeu­gung, daß man Angst nicht ein­fach weg­kriegt. Al­les, was ich näm­lich ge­gen die Angst ver­wende, ist letzt­lich nur wie­der ein Aus­druck der Angst sel­ber. Ich tue es aus Angst vor der Angst. Ich kann al­ler­dings der Angst be­geg­nen. Das nennt sich dann Mut. Es liegt nur an mir: Ent­scheide ich mich für das, was rich­tig ist, ver­trete ich es zwar mit al­ler Di­plo­ma­tie und den­noch klar oder stimme ich in das Ge­heul der Wölfe ein? Stehe ich für Trans­pa­renz ein, da­für, daß wir se­hen und kom­mu­ni­zie­ren, was wir tun, auch wenn das nicht im­mer Freude macht, oder ver­su­che ich den ei­ge­nen Hin­tern zu ret­ten, täu­sche vor, um Bo­nus und Be­för­de­rung zu kriegen.

Letzt­lich ist es eine grund­sätz­li­che Ent­schei­dung in un­se­rem Le­ben: Nehme ich mir die Frei­heit ehr­lich zu sein und meine Gren­zen und die der Firma zu spren­gen oder beuge ich mich dem Dik­tat der Angst und be­ginne mich da­mit zu­neh­mend in ei­nen Kä­fig zu sper­ren, der mir bald nicht mehr er­lau­ben wird, mich so zu be­we­gen, wie ich es für rich­tig halte. Da­mit habe ich nicht nur mei­nen Aktionsra­dius, son­dern auch den der Firma ein­ge­schränkt. Mit die­ser grund­sätz­li­chen Ent­schei­dung stehe ich im­mer al­leine, nie­mand nimmt sie mir ab. In der Män­ner­ar­beit wird sie klar aufs Ta­pet gebracht.

Maß­lo­sig­keit ver­sus Verantwortung

Doch kaum habe ich die “Wahr­heit” ge­fun­den, so renne ich als ty­pi­scher Mann schon in die nächste Falle: Als Bes­ser­wis­ser und Apos­tel, als so­ge­nann­ter Fach­mann bin ich in ste­ti­ger Ver­su­chung maß­los zu wer­den und da­mit den Bo­den der Ver­nunft zu ver­las­sen und ein of­fen­sicht­li­cher oder ein ver­kapp­ter Fanati­ker zu wer­den. Maß­lo­sig­keit dient nicht der Sa­che, son­dern den Macht­ge­lüs­ten des ei­ge­nen Egos. Fa­na­ti­ker sind ty­pi­scher­weise Män­ner und es gibt sie in al­len Schat­tie­run­gen vom Turn­leh­rer bis zum “ge­nial” größenwahn­sinnigen Top-Manager, der sei­nen Kon­zern glor­reich ge­ra­de­wegs in den Ab­grund führt. Ei­nes ist ih­nen al­len ge­mein­sam: die gu­ten Ab­sich­ten, hin­ter de­nen sich auch im­mer wie­der ver­schan­zen. Ein an­gel­säch­si­sches Sprich­wort sagt es klar: Der Weg zu Hölle ist ge­pflas­tert mit gu­ten Ab­sich­ten. Gute Ab­sich­ten al­leine sind also nicht genug.

Hier setzt wohl der Haupt­punkt der Män­ner­ar­beit ein: Män­ner sind ge­fähr­lich. Was kann man aber tun, da­mit Män­ner zwar wei­ter­hin ihre Kraft und Vi­ta­li­tät be­hal­ten, ohne daß sie da­mit Scha­den an­rich­ten? Viele Kul­tu­ren ha­ben dar­auf mit ei­ner In­itia­tion, mit ei­ner Ein­füh­rung von Jun­gen in die Ge­mein­schaft der Män­ner rea­giert. Zum ei­nen wird der junge Mann da­mit aus sei­ner kind­li­chen Abhängig­keit von der Mut­ter ge­holt und in die Verantwort­ung ge­führt. Da er nun Teil der männ­li­chen Ge­mein­schaft ist, muß er sich auch nicht mehr stän­dig mit halsbreche­rischen Ak­tio­nen seine Männ­lich­keit be­wei­sen. Diese Auf­nahme hätte aber kei­nen ech­ten Wert, wenn er sie nicht durch eine harte Prü­fung sei­ner Kraft und sei­nes Mu­tes im Ver­laufe der In­itia­tion er­kau­fen müßte. Als Teil die­ser Her­aus­for­de­rung wird der junge Mann im Ver­laufe die­ses Pro­zes­ses ver­letzt. Die Ver­let­zung hat aber ei­gent­lich ein an­de­res, ein pri­mä­res Ziel: sie zeigt uns Män­nern un­sere ei­ge­nen Gren­zen, eben un­sere Ver­letz­lich­keit. Sie führt uns vor Au­gen, daß wir keine Su­per­män­ner sind, auch wenn wir uns ge­le­gent­lich so füh­len. Schmerz und Ver­let­zung füh­ren zu Mit­ge­fühl und so­zia­ler (und da­mit auch be­trieb­li­cher) Ver­ant­wor­tung zu­rück. Und ge­nau das ist es, was dem Fa­na­ti­ker fehlt.

Das Auf­tre­ten von Ju­gend­gangs ist ein kla­res Sym­ptom da­für: Männ­li­che In­itia­tio­nen feh­len in un­se­rer Ge­sell­schaft fast voll­stän­dig. La­men­tie­ren hilft da nichts, rei­nes in­tel­lek­tu­el­les Ver­ste­hen des Prin­zips auch nicht. Man muß sie ein­fach nach­ho­len, völ­lig un­ab­hän­gig vom Al­ter und in ei­ner zeit­ge­mä­ßen Form. Ei­gent­lich ist es er­staun­lich, daß das so ein­fach ist und auch tat­säch­lich prak­tisch funktioniert.

Ein­zel­kämp­fer ver­sus Freund­schaft und Teamfähigkeit

Mit dem Stich­wort Auf­nahme in die Ge­mein­schaft der Män­ner ist ein Schlag­licht auf ei­nen wei­te­ren neur­al­gi­schen Punkt ge­wor­fen: Män­ner­freund­schaf­ten. Es ist im­mer wie­der er­staun­lich wie wir Män­ner es schaf­fen, un­sere Ein­sam­keit als helden­haftes Ein­zel­kämp­fer­tum zu ver­klä­ren und dar­auf auch noch stolz zu sein. Ge­rade die so­ge­nannt här­tes­ten Män­ner ha­ben hier oft die größ­ten sozia­len Ängste. Na­tür­lich sind sie un­ein­ge­stan­den und alle mög­li­chen Vor­ur­teile müs­sen her­hal­ten, wa­rum der an­dere nicht der rich­tige Kum­pel sei oder wa­rum Freund­schaft un­ter Män­nern oh­ne­hin meist nur stu­pide und or­di­när sei. Aus die­ser Sicht wer­den an­dere Män­ner häu­fig nur als Ri­va­len er­lebt, auch wenn man sich mit ih­nen ar­ran­gie­ren muß. Daß man es bei sol­chen Mit­ar­bei­tern nicht ge­rade mit Team­play­ern zu tun hat, und daß da­mit die ganze Matrix-Organisa­tion für die Katz ist, ver­steht sich von selbst. Da­bei ist Freund­schaft doch ei­gent­lich et­was ganz sim­ples. Nur ei­ner steht mir im Wege: ich sel­ber mit mei­nen Vor­ur­tei­len. Wäh­rend das tra­di­tio­nelle Coa­ching eher Brut­stät­ten für Eli­ten schaf­fen will, geht man in der Män­ner­ar­beit ge­rade den an­de­ren Weg: Eine gute so­ziale und al­ters­mä­ßige Durch­mi­schung ga­ran­tiert, daß ich in ei­nem an­de­ren Work­sh­opteil­neh­mer ga­ran­tiert je­nen Teil von mir sel­ber an­treffe, den ich am we­nigs­ten an­neh­men kann. Doch die of­fene Kon­fron­ta­tion und der ge­mein­same Pro­zeß, in dem alle auf­ein­an­der an­ge­wie­sen sind, tun zum Glück das ih­rige und viele Vor­ur­teile zer­plat­zen im Ver­laufe des Work­shops wie Sei­fen­bla­sen. In ech­ter Freund­schaft hat die ganze Spann­breite von der Riva­lität bis zum Mit­ge­fühl Platz. Zwar se­hen sich viele Män­ner in der Wirt­schaft vor al­lem als Ri­va­len, pa­ra­do­xer­weise aber fürch­ten sie sich häu­fig da­vor, diese Ri­va­li­tät auch of­fen und ehr­lich aus­zu­tra­gen. Ein­ste­cken und Aus­tei­len ist des­halb ein wich­ti­ges Thema. Wer sich schon im­mer eine Ver­sach­li­chung der Dis­kus­sio­nen im Be­trieb ge­wünscht hat, ist hier ge­nau rich­tig: Wie sollte das klap­pen, wenn ich nicht zu­ge­ben kann, daß der an­dere die bes­se­ren Ar­gu­mente hat (d.h. ich nicht ein­ste­cken kann)? Oder wie, wenn ich schweige, wäh­rend am Tisch mit hoh­len stra­te­gi­schen Be­grif­fen her­um­ge­fa­selt wird und nie­mand das Kind beim Na­men nennt (d.h. ich nicht aus­tei­len kann)? Was für eine Erleich­terung, wenn die Kon­fron­ta­tion in al­ler Härte und Fair­ness statt­fin­den kann und statt des be­fürch­te­ten Krie­ges am Ende Friede und Re­spekt da sind. Freunde, echte Freunde zu ha­ben ist eine wich­tige Res­source. Und das ist die Voraus­setzung für ein ech­tes Team. Dann kann manch­mal auch die be­rühmte Männer­power ent­ste­hen, die etwa bei er­folg­rei­chen Sport­teams am Werke ist. Es ist da wo die Ge­samt­leis­tung deut­lich über der Summe der Ein­zel­leis­tun­gen liegt.

Ich habe in die­sem Ar­ti­kel die wich­tigs­ten As­pekte der Männer­arbeit und de­ren wirt­schaft­li­ches Po­ten­tial auf­ge­zeigt. Zen­trale Punkte wie Echt­heit, Klar­heit, Mut, Kraft, Freund­schaft, Ge­mein­schaft und In­te­gri­tät wer­den aus ih­rem na­tür­li­chen We­sens­kern her­aus ge­stärkt. Män­ner­work­shops kön­nen für sich al­lein oder als er­gän­zen­des Ele­ment in ei­nem Coa­ching nach­hal­tige Wir­kung ent­fal­ten. Theoreti­sche Aus­füh­run­gen hel­fen zwar, zu ver­ste­hen und zu mo­ti­vie­ren. Work­shops die aber wirk­li­che Ver­än­de­run­gen brin­gen sol­len, müs­sen na­tür­lich dar­über hin­aus ge­hen und ei­nen ech­ten Pro­zeß an­ki­cken. Die ge­nann­ten The­men wer­den hier in ein­fa­cher, ja oft sim­pler Weise di­rekt er­leb­bar, ein­dring­lich, haut­nah und un­aus­weich­lich. Feedback-Runden hel­fen, das Er­lebte zu ver­ste­hen und zu in­te­grie­ren. Da die an­ge­schnit­te­nen The­men sehr per­sön­lich sind und völ­lig di­rekt aus­ge­tra­gen wer­den, kann diese Art von Work­shops nicht ein­fach ver­ord­net wer­den. Al­len­falls kann man von be­trieb­li­cher Seite mit Einführungs­workshops den Wunsch nach dem vol­len Pro­gramm we­cken. Sich aber voll und ganz auf eine sol­che Cha­rak­ter­schule für Män­ner ein­zu­las­sen ist eine ganz per­sön­li­che Ent­schei­dung die ei­nem die Firma nicht ab­neh­men kann noch darf.

Au­then­ti­zi­tät oder bloß Re­zepte, die wahre Bi­lanz oder eine ga­lante Lüge? Worum soll es ge­hen in mei­nem pri­va­ten Le­ben und in der Firma? Das ist nur für Män­ner die et­was wa­gen, ganz per­sön­lich wa­gen. Und was die neuen Män­ner an­geht, so kann es heute schon ei­nen mehr ge­ben, wenn ich es will, und je­den Tag aufs neue.

Der Au­tor, Urs Dudle (Dr. med.), ist Arzt und ar­bei­tet als Psych­ia­ter. Er war frü­her ei­nige Jahre im Be­reich Hu­man Res­sour­ces, u.a. in ei­nem glo­bal tä­ti­gen phar­ma­zeu­ti­schen Un­ter­neh­men tä­tig. Zu­dem ar­bei­tet er im Lei­tungs­team des Män­ner­work­shops mit. ( www.maennerworkshop.com; info@projektb.ch)

Bly, Ro­bert: “Ei­sen­hans”, Kind­ler, Mün­chen, 1991

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