Lü­gen, die wir Kin­dern erzählen

Paul Gra­ham hat die­sen gross­ar­ti­gen Es­say ge­schrie­ben, der mir der­art gut ge­fällt, dass ich ihn auf Deutsch über­setzt und hier pu­bli­ziert habe. Das Ori­gi­nal ist hier zu finden.

Mai 2008: Lü­gen, die wir Kin­dern er­zäh­len (Paul Graham)

Er­wach­sene lü­gen Kin­der dau­ernd an. Ich sage nicht, dass wir da­mit auf­hö­ren sol­len. Aber wir soll­ten zu­min­dest ge­nau an­schauen, wel­che Lü­gen wir un­se­ren Kin­dern er­zäh­len und warum.

Darin könnte auch für uns ein Vor­teil lie­gen. Als Kin­der wur­den wir alle be­lo­gen, und ei­nige der Lü­gen, die uns er­zählt wur­den, be­ein­flus­sen uns bis heute. Da­her: In­dem wir die Ar­ten un­ter­su­chen, wie Er­wach­sene Kin­der an­lü­gen, schaf­fen wir es viel­leicht, un­se­ren Kopf von den Lü­gen, die uns selbst er­zählt wur­den, zu befreien.

Ich be­nutze das Wort “Lüge” in sehr all­ge­mei­nem Sinn. Nicht nur of­fene Un­wahr­heit, son­dern auch die sub­ti­le­ren Ar­ten, wie wir Kin­der in die Irre füh­ren. Ob­wohl “Lüge” ne­ga­tive Kon­no­ta­tio­nen hat, will ich nicht sa­gen, dass wir das nie­mals tun dür­fen — nur dass wir uns ge­nau über­le­gen soll­ten, wann und wa­rum wir es tun. [1]


Et­was vom Be­mer­kens­wer­tes­ten daran, wie wir Kin­der be­lü­gen, ist, wie breit die Ver­schwö­rung ist. Alle Er­wach­se­nen wis­sen, wor­über ihre Kul­tur Kin­der be­lügt: Es sind die­je­ni­gen Fra­gen, auf die du “Frage deine El­tern” ant­wor­test. Wenn dich ein Kind fragt, wer die WM 1982 ge­won­nen hat, oder wel­ches das Atom­ge­wicht von Koh­len­stoff ist, dann könn­test du es ihm ein­fach sa­gen. Wenn ein Kind hin­ge­gen fragt: “Gibt es ei­nen Gott?” oder “Was ist eine Pro­sti­tu­ierte?” dann wirst du wahr­schein­lich sa­gen “Frag deine Eltern.”

Da wir uns alle ei­nig sind, se­hen Kin­der kaum Lü­cken in der Sicht der Welt, wie sie ih­nen dar­ge­bo­ten wird. Die gröss­ten Wi­der­sprü­che gibt es zwi­schen El­tern und Schu­len, aber selbst die sind eher ge­ring­fü­gig. Schu­len sind vor­sicht in dem, was sie über kon­tro­verse The­men sa­gen, und falls sie tat­säch­lich dem wi­der­spre­chen, was die El­tern ihre Kin­der glau­ben ma­chen wol­len, dann wer­den sie von den El­tern un­ter Druck ge­setzt, zu schwei­gen, oder die El­tern schi­cken ihre Kin­der schlicht auf eine an­dere Schule.

Die Ver­schwö­rung ist der­art dicht ge­wo­ben, dass die meis­ten Kin­der, die sie ent­de­cken, dies nur des­we­gen schaf­fen, weil sie in­nere Wi­der­sprü­che auf­de­cken in dem, was ih­nen er­zählt wird. Es kann trau­ma­tisch sein für die­je­ni­gen, die wäh­rend der Ope­ra­tion auf­wa­chen. So hat es Ein­stein erlebt:

Durch die Lek­türe von po­pu­lä­ren wis­sen­schaft­li­chen Bü­chern kam ich zu der Er­kennt­nis, dass vie­les von dem, was in der Bi­bel steht, schlicht nicht stim­men kann. Die Kon­se­quenz war ein po­si­ti­ves, fa­na­ti­sches Frei­den­ken, ge­kop­pelt mit dem Ein­druck, dass die Ju­gend ab­sicht­lich vom Staat durch Lü­gen ge­täuscht wird: Das war ein nie­der­schmet­tern­der Ein­druck. [2]

Ich er­in­nere mich an die­ses Ge­fühl. Um 15 war ich über­zeugt da­von, dass Welt von A bis Z kor­rupt ist. Des­halb ha­ben Filme wie Die Ma­trix so viel Re­so­nanz. Je­des Kind wächst in ei­ner vor­ge­täusch­ten Welt auf. Es wäre ir­gend­wie ein­fa­cher, wenn die da­hin­ter­ste­hen­den Kräfte so klar dif­fe­ren­ziert wer­den könn­ten wie ein Hau­fen teuf­li­scher Ma­schi­nen, und wenn man ei­nen sau­be­ren Schnitt ma­chen könnte, in­dem man die blaue Pille schluckt.

Schutz

Wenn man Er­wach­sene fragt, wa­rum sie Kin­der an­lü­gen, dann ist der meist­ge­hörte Grund der, dass sie sie be­schüt­zen wol­len. Und Kin­der müs­sen ge­schützt wer­den. Die Um­ge­bung, die du für ein Neu­ge­bo­re­nes auf­baust, wird sehr an­ders aus­se­hen als die Stras­sen ei­ner Grossstadt.

Das scheint so of­fen­sicht­lich zu sein, dass es auch falsch er­scheint, es eine Lüge zu nen­nen. Es ist be­stimmt keine schlechte Lüge, ei­nem Baby den Ein­druck zu ver­mit­teln, dass die Welt still und warm und si­cher ist. Doch diese harm­lose Art Lüge kann sauer wer­den, wenn sie un­über­prüft bleibt.

Stel­len Sie sich vor, wenn sie je­man­den in ei­ner der­art be­schütz­ten Um­ge­bung be­wah­ren bis er 18 ist. Je­man­den der­art über die Na­tur der Welt zu täu­schen er­scheint we­ni­ger als Schutz denn als Miss­brauch. Das ist na­tür­lich ein ex­tre­mes Bei­spiel. Wenn El­tern et­was der­ar­ti­ges tun, dann kommt es in al­len Zei­tun­gen. Aber man sieht das­selbe Pro­blem in klei­ne­rem Mass­stab im Ma­laise, das Teen­ager in der Vor­stadt fühlen.

Der Haupt­zweck von Vor­städ­ten ist es, eine ge­schützte Um­ge­bung zu bil­den, in der Kin­der auf­wach­sen kön­nen. Und es scheint gross­ar­tig zu sein für 10-jährige. Ich liebte es, in der Vor­stadt zu le­ben, als ich 10 war. Ich merkte da­mals nicht, wie ste­ril es war. Meine Welt war nicht grös­ser als bis zu den Häu­sern der paar Freunde, dich ich mit dem Fahr­rad be­suchte, und der paar Wäld­chen, in de­nen ich her­um­streunte. Im gros­sen Mass­stab ge­se­hen war ich ir­gendwo zwi­schen Krippe und Glo­bus. Eine Vor­stadt­strasse hatte ge­nau die rich­tige Grösse. Aber je älter ich wurde, desto mehr fühlte sich die Vor­stadt er­sti­ckend falsch an.

Das Le­ben kann mit 10 oder 20 ziem­lich gut sein. Aber mit 15 ist es häu­fig äus­serst frus­trie­rend. Die­ses Pro­blem ist zu gross, um hier ge­löst zu wer­den, aber ei­ner der Gründe, wes­halb das Le­ben für ei­nen 15-jährigen schreck­lich ist, ist si­cher­lich, dass er in ei­ner Welt, die für 10-jährige ge­macht ist, ge­fan­gen ist.

Wo­vor, hof­fen El­tern, kön­nen sie ihre Kin­der be­schüt­zen, in­dem sie sie in ei­ner Vor­stadt auf­wach­sen las­sen? Eine Freun­din, die Man­hat­tan ver­liess, sagte dazu ein­fach, dass ihre 3-jährige Toch­ter “zu­viel ge­se­hen” habe. Spon­tan fällt mir dazu ein: Leute, die be­trun­ken oder un­ter Dro­gen sind, Ar­mut, Wahn­sinn, grau­en­volle me­di­zi­ni­sche Be­din­gun­gen, se­xu­el­les Ver­hal­ten un­ter­schied­li­chen Gra­des von Selt­sam­keit, und ge­walt­tä­tige Wut.

Ich denke, es wäre die Wut, die mir am meis­ten Sor­gen ma­chen würde, hätte ich ei­nen Drei­jäh­ri­gen. Ich war 29 als ich nach New York zog. Und selbst dann war ich über­rascht. Ich möchte nicht, dass ein Drei­jäh­ri­ger ei­nige der Strei­te­reien mit­an­se­hen muss, die ich mit­er­lebte. Es wäre zu furcht­er­re­gend. Viele der Dinge, die Er­wach­sene vor Kin­dern ver­bor­gen hal­ten, hal­ten sie des­we­gen fern von ih­nen, weil sie furcht­er­re­gend sind, nicht weil sie de­ren Exis­tenz ge­heim hal­ten wol­len. Das Kind in die Irre zu füh­ren ist nur ein Nebenprodukt.

Dies scheint eine der be­rech­tigts­ten Lü­gen zu sein, die Er­wach­sene ge­gen­über Kin­dern an­wen­den. Aber da die Lü­gen in­di­rekt sind, füh­ren wir nicht so ge­nau Buch dar­über. El­tern wis­sen sehr wohl, dass sie ih­ren Kin­dern die Fak­ten über Sex vor­ent­hal­ten ha­ben, und manch­mal set­zen sie sich auch mit ih­ren Kin­dern hin und er­klä­ren ih­nen mehr. Aber nur we­nige er­zäh­len ih­ren Kin­dern die Un­ter­schiede zwi­schen der rea­len Welt und dem Ko­kon, in dem sie auf­ge­wach­sen sind. Dies, kom­bi­niert mit dem Selbst­wert­ge­fühl, das El­tern gerne ih­ren Kin­dern an­er­zie­hen, führt dazu, dass je­des Jahr eine neue Ernte von 18-jährigen her­an­wächst, die den­ken, sie wüss­ten, wie der Hase läuft und die Welt ge­höre ihnen.

Den­ken nicht alle 18-jährigen, sie wüss­ten wie die Welt am Bes­ten zu funk­tio­nie­ren habe? Ge­nau ge­nom­men ist dies ein eher jun­ges Phä­no­men, nicht älter als etwa 100 Jahre. In der vor­in­dus­tri­el­len Zeit wa­ren Teen­ager Ju­nior­mit­glie­der der Er­wach­se­nen­welt und sich ver­gleichs­weise ih­rer De­fi­zite ziem­lich gut be­wusst. Sie konn­ten klar se­hen, dass sie nicht so stark oder ge­schickt wa­ren wie der Dorf­schmied. In ver­gan­ge­nen Zei­ten ha­ben die Leute über ge­wisse Dinge mehr ge­lo­gen zu ih­ren Kin­dern als wir heute. Aber die­je­ni­gen Lü­gen, die im­pli­zit in ei­ner be­schütz­ten, künst­li­chen Um­welt ent­hal­ten sind, sind eine neue Er­fin­dung. Wie viele neue Er­fin­dun­gen, ha­ben die Rei­chen sie sich zu­erst an­ge­eig­net. Kin­der von Kö­ni­gen und gros­sen Ma­gna­ten sind die ers­ten, die ohne je­den Kon­takt zur Welt auf­ge­wach­sen sind. Vor­städte be­deu­ten, dass die halbe Be­völ­ke­rung in die­ser Be­zie­hung wie Kö­nige le­ben kann.

Sex (und Drogen)

Ich hätte an­dere Sor­gen, wenn ich meine Teenage-Kinder in New York auf­wach­sen se­hen müsste. Ich würde mich we­ni­ger um das sor­gen, was sie se­hen, son­dern viel­mehr um das, was sie tun könn­ten. Ich bin mit vie­len Jungs ins Col­lege ge­gan­gen, die in Man­hat­ten auf­ge­wach­sen wa­ren, und im all­ge­mei­nen schie­nen sie ziem­lich ab­ge­stumpft zu sein. Sie schie­nen ihre Un­schuld mit un­ge­fähr 14 ver­lo­ren zu ha­ben, und bis zum Col­lege hat­ten sie mehr Dro­gen pro­biert, als ich je da­von ge­hört hatte.

Die Gründe, wa­rum El­tern nicht wol­len, dass ihre Kin­der Sex ha­ben, sind kom­plex. Es gibt ei­nige of­fen­sicht­li­che Ge­fah­ren: Schwan­ger­schaft und Ge­schlechts­krank­hei­ten. Aber das sind nicht die ein­zi­gen Gründe, wes­halb El­tern nicht wol­len, dass ihre Kin­der Sex ha­ben. Die durch­schnitt­li­chen El­tern ei­ner 14-jährigen wür­den die Idee, dass sie Sex hat, has­sen, selbst wenn es kei­ner­lei Ri­siko von Schwan­ger­schaft oder Ge­schlechts­krank­hei­ten gäbe.

Was ge­nau ist es denn, was El­tern so sehr am Ge­dan­ken stört, ihre Kin­der könn­ten Sex ha­ben? Ihre Ab­nei­gung da­ge­gen ist der­mas­sen stark, dass sie wahr­schein­lich an­ge­bo­ren ist. Aber wenn es an­ge­bo­ren ist, dann sollte es uni­ver­sal sein. Es gibt je­doch ge­nü­gend Ge­sell­schaf­ten, in de­nen die El­tern kein Pro­blem mit Teenage-Sex ha­ben — wo es so­gar nor­mal ist, dass 14-jährige Müt­ter wer­den. Was also geht hier vor? Es scheint ein uni­ver­sel­les Tabu zu ge­ben ge­gen Sex mit vor­pu­ber­tä­ren Kin­dern. Da­für kann man sich evo­lu­tio­näre Gründe vor­stel­len. Und ich denke, dass dies der Haupt­grund ist für die Ab­nei­gung von El­tern in in­dus­tria­li­sier­ten Ge­sell­schaf­ten da­ge­gen ist, dass ihre Teenage-Kinder Sex ha­ben. Sie den­ken im­mer noch, sie seien Kin­der, ob­wohl sie es bio­lo­gisch ge­se­hen nicht mehr sind, wes­we­gen das Tabu ge­gen Sex mit Kin­dern im­mer noch wirkt.

Et­was ver­ber­gen El­tern am Sex ge­nauso wie an den Dro­gen: Dass sie gros­ses Ver­gnü­gen be­rei­ten kön­nen. Das ist das, was Sex und Dro­gen so ge­fähr­lich macht. Das Be­geh­ren da­nach kann ei­nem die Sinne ver­ne­beln und das Ur­teils­ver­mö­gen ein­schrän­ken — was be­son­ders be­ängs­ti­gend ist, wenn es sich da­bei um das, ge­linde ge­sagt, noch nicht sehr aus­ge­prägte Ur­teils­ver­mö­gen ei­nes Teen­agers handelt.

Wenn El­tern ih­ren Kin­dern die Wahr­heit über Sex und Dro­gen ver­ra­ten wür­den, dann wäre sie: Der Grund, wes­halb du diese Dinge ver­mei­den sollst, ist dein lau­si­ges Ur­teils­ver­mö­gen. Leute mit dop­pelt so viel Er­fah­rung wie du ver­bren­nen sich im­mer noch da­mit. Doch dies wird ei­ner der Fälle sein, wo die Wahr­heit we­nig Über­zeu­gungs­kraft hat, weil ei­nes der Merk­male schlech­ten Ur­teils­ver­mö­gens ist es, zu glau­ben, man hätte gu­tes. Wenn du zu schwach bist, et­was zu he­ben, dann merkst du das. Doch wenn du eine hef­tige Ent­schei­dung triffst, bist du dir des­sen nur umso sicherer.

Un­schuld

Ein wei­te­rer Grund, wes­halb El­tern nicht wol­len, dass ihre Teenage-Kinder Sex ha­ben, ist der, dass sie wol­len, dass sie un­schul­dig blei­ben. Er­wach­sene ha­ben eine be­stimmte Vor­stel­lung da­von, wie sich Kin­der ver­hal­ten sol­len, und die sieht an­ders aus als bei Erwachsenen.

Ei­ner der of­fen­sicht­lichs­ten Un­ter­schiede be­zieht sich auf die Worte, die Kin­der be­nut­zen dür­fen. Die meis­ten El­tern be­nut­zen, wenn sie mit an­de­ren Er­wach­se­nen spre­chen, Worte, von de­nen sie nicht möch­ten, dass ihre Kin­der sie in den Mund neh­men. Sie ver­su­chen so­gar die Exis­tenz die­ser Wör­ter vor ih­ren Kin­dern so lange es geht zu ver­heim­li­chen. Und das ist auch so eine Ver­schwö­rung, an der alle teil­ha­ben: Je­der weiss, dass man nicht vor Kin­dern flu­chen soll.

Nie habe ich un­ter­schied­li­chere Er­klä­run­gen ge­hört als dann, als es darum ging, den Kin­dern zu er­klä­ren, wa­rum sie nicht flu­chen sol­len. Je­der Va­ter, jede Mut­ter die ich kenne ver­bie­tet sei­nen Kin­dern das Flu­chen, und doch ha­ben keine zwei die­sel­ben Be­grün­dung. Es ist ganz klar: Die meis­ten fan­gen da­mit an, ih­ren Kin­dern das Flu­chen zu ver­bie­ten. Und erst da­nach le­gen sie sich eine Be­grün­dung zurecht.

Des­halb ist meine Theo­rie, dass die Funk­tion des Flu­chens ist, den Spre­cher als Er­wach­se­nen zu kenn­zeich­nen. Es kei­nen be­deut­sa­men Un­ter­schied zwi­schen “Scheisse” und “Pupu”. Wa­rum also soll das eine für den kind­li­chen Sprach­ge­brauch in Ord­nung sein und das an­dere ver­bo­ten? Die ein­zige Er­klä­rung lau­tet: Per De­fi­ni­tion. [3]

Wa­rum stört es Er­wach­sene so sehr wenn Kin­der Dinge tun, die Er­wach­se­nen vor­be­hal­ten sind? Die Vor­stel­lung ei­nes un­flä­ti­gen, zy­ni­schen 10-jährigen, der sich mit ei­ner Zi­ga­ret­ten­kippe läs­sig aus dem Mund­win­kel hän­gend an ei­nen La­ter­nen­pfahl lehnt ist sehr be­un­ru­hi­gend. Aber warum?

Der Grund wes­halb wir un­sere Kin­der un­schul­dig wol­len ist der, dass wir dar­auf pro­gram­miert sind, ge­wisse Ar­ten von Hilf­lo­sig­keit zu mö­gen. Bei meh­re­ren Ge­le­gen­hei­ten habe ich Müt­ter sa­gen ge­hört, dass sie be­wusst dar­auf ver­zich­tet ha­ben, fal­sche Aus­spra­chen ih­rer Klein­kin­der zu kor­ri­gie­ren, weil sie so nied­lich seien. Und wenn man dar­über nach­denkt, dann be­deu­tet Nied­lich­keit nichts an­de­res als Hilf­lo­sig­keit. Spiel­zeuge und Zei­chen­trick­fi­gu­ren, die nied­lich sein sol­len, ha­ben im­mer die­sen ah­nungs­lo­sen Ge­sichts­aus­druck und un­ter­setzte, un­taug­li­che Gliedmassen.

Es ist keine Über­ra­schung, dass wir eine an­ge­bo­rene Sehn­sucht ha­ben, hilf­lose Krea­tu­ren zu lie­ben und zu be­schüt­zen, an­ge­sichts des­sen, dass mensch­li­che Spröss­linge tat­säch­lich so lange Zeit der­mas­sen hilf­los sind. Ohne die Hilf­lo­sig­keit, die Kin­der nied­lich macht, wä­ren sie äus­serst läs­tig. Dann wür­den sie bloss wie in­kom­pe­tente Er­wach­sene wir­ken. Aber da steckt noch mehr da­hin­ter. Der Grund, wes­halb mich der hy­po­the­ti­sche ab­ge­stumpfte 10-jährige so stört, ist nicht nur, dass er dann läs­tig wäre, son­dern dass er so früh seine Wachs­tums­aus­sich­ten be­schnit­ten hätte. Um ab­ge­stumpft zu sein, muss man den­ken, man wisse, wie die Welt funk­tio­niert, und jede Theo­rie, die ein 10-jähriger dies­be­züg­lich ha­ben könnte, wird wahr­schein­lich ziem­lich ein­ge­schränkt sein.

Un­schuld ist also auch Auf­ge­schlos­sen­heit. Wir wol­len, dass Kin­der un­schul­dig sind, da­mit sie wei­ter­hin ler­nen kön­nen. So pa­ra­dox es klingt, es gibt Ar­ten von Wis­sen, die an­de­ren Ar­ten von Wis­sen in die Quere kommt. Wenn du ler­nen wirst, dass die Welt ein bru­ta­ler Ort ist, vol­ler Men­schen, die ver­su­chen, ein­an­der zu über­vor­tei­len, dann soll­test du das bes­ser erst als letz­tes ler­nen. An­de­ren­falls wird dich wei­te­res Ler­nen kaum noch interessieren.

Sehr ge­scheite Er­wach­sene schei­nen häu­fig un­ge­wöhnt­lich un­schul­dig, und ich denke nicht, dass das ein Zu­fall ist. Ich denke, dass diese Men­schen be­wusst ge­wisse Dinge zu ler­nen ver­mie­den ha­ben. Ich sel­ber ganz be­stimmt. I dachte mal, dass ich al­les wis­sen will. Heute weiss ich, dass dem nicht so ist.

Tod

Nach dem Sex ist der Tod das Thema, über das Er­wach­sene am ver­schwö­re­rischs­ten lü­gen ge­gen­über Kin­dern. Sex, denke ich, ver­ste­cken sie auf­grund tief­sit­zen­der Ta­bus. Aber wa­rum ver­ste­cken wir den Tod vor den Kin­dern? Wahr­schein­lich des­we­gen, weil kleine Kin­der von ihm be­son­ders ent­setzt sind. Sie wol­len sich si­cher füh­len, und der Tod ist die fürch­ter­lichste Be­dro­hung, die es gibt.

Eine der spek­ta­ku­lärs­ten Lü­gen, die uns un­sere El­tern vor­setz­ten, ging um den Tod un­se­rer ers­ten Katze. Über die Jahre, wäh­rend wir nach mehr De­tails frag­ten, muss­ten sie im­mer mehr hin­zu­er­fin­den, und so wuchs sich die Ge­schichte zu et­was ziem­lich aus­ge­klü­gel­tem aus. Die Katze starb in der Tier­arzt­pra­xis. Woran? An der An­äs­the­sie. Wa­rum war die Katze beim Tier­arzt? Um zu ge­sun­den. Und wa­rum hatte sie ein sol­cher Rou­ti­ne­e­in­griff um­ge­bracht? Es war nicht der Feh­ler des Tier­arz­tes; die Katze hatte ein an­ge­bo­re­nes schlech­tes Herz; die An­äs­the­sie war zu stark für sie; aber das hatte kei­ner im vor­aus wis­sen kön­nen. Erst als wir un­sere zwan­zi­ger er­reicht hat­ten, kam die Wahr­heit ans Ta­ges­licht: Meine Schwes­ter, da­mals etwa drei, war ver­se­hent­lich auf sie drauf­ge­tre­ten und hatte ihr den Rü­cken gebrochen.

Sie hat­ten nicht das Be­dürf­nis, uns zu sa­gen, dass die Katze nun glück­lich war im Kat­zen­him­mel. Meine El­tern ha­ben nie be­haup­tet, dass ver­stor­bene Men­schen oder Tiere “an ei­nen bes­se­ren Ort ge­gan­gen” seien, oder dass wir ih­nen wie­der be­geg­nen wür­den. Das schien uns nicht ge­scha­det zu haben.

Meine Gross­mut­ter er­zählte uns eine re­di­gierte Ver­sion des To­des mei­nes Gross­va­ters. Sie sagte, sie ei­nes Ta­ges le­send ne­ben­ein­an­der ge­ses­sen, und als sie et­was zu ihm sagte, hätte er keine Ant­wort ge­ge­ben. Er schien zu schla­fen, aber als sie ihn zu we­cken ver­suchte, schaffte sie das nicht. “Er war weg.” Ei­nen Herz­an­fall zu ha­ben klang nach ein­schla­fen. Spä­ter hörte ich, dass es nicht ganz so nett war, und dass der Herz­an­fall fast den gan­zen Tag ge­braucht hatte, um ihn umzubringen.

Nebst solch un­ver­blüm­ten Lü­gen muss es auch jede Menge The­men­wech­sel ge­ge­ben ha­ben, wenn die Spra­che auf den Tod kam. Ich er­in­nere mich daran na­tür­lich nicht, aber ich leite es aus der Tat­sa­che ab, dass ich nicht wirk­lich ka­pierte, dass auch ich ir­gend­wann ster­ben würde, bis ich un­ge­fähr 19 war. Wie konnte ich et­was der­art of­fen­sicht­li­ches so lange Zeit ver­pas­sen? Jetzt, wo ich El­tern da­bei er­lebe, wie sie mit dem Thema um­ge­hen, sehe ich, wie: Fra­gen über den Tod wer­den sanft, aber fest abgewehrt.

Be­son­ders bei die­sem Thema kom­men ih­nen die Kin­der auf hal­bem Weg ent­ge­gen. Kin­der wol­len öfter an­ge­lo­gen wer­den. Sie wol­len glau­ben, dass sie in ei­ner an­ge­neh­men, si­che­ren Welt le­ben, ge­nau so sehr wie ihre El­tern möch­ten, dass sie das glau­ben. [4]

Iden­ti­tät

Man­che El­tern füh­len eine starke Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner be­stimm­ten Eth­nie oder re­li­giö­sen Gruppe, und wol­len, dass ihre Kin­der sich eben­falls zu­ge­hö­rig füh­len. Dies er­for­dert übli­cher­weise zwei Ar­ten von Lü­gen: Das erste ist, dass dem Kind ge­sagt wird, er oder sie sei ein X, und das zweite ist, was auch im­mer für Spe­zi­fika die Xe glau­ben, was sie von an­de­ren un­ter­schei­det. [5]

Ei­nem Kind zu sa­gen, was es für eine be­son­dere eth­ni­sche oder re­li­giöse Iden­ti­tät habe, ist et­was vom lang­an­haf­tends­ten, was man ih­nen sa­gen kann. Fast al­les an­dere, was du ei­nem Kind er­zählst, kann das Kind sel­ber ändern wenn es ein­mal an­fängt, sel­ber zu den­ken. Aber wenn du ei­nem Kind sagst, es ge­höre zu ei­ner be­stimm­ten Gruppe, dann scheint dies fast un­mög­lich zu er­schüt­tern zu sein.

Dies trotz der Tat­sa­che, dass dies eine der vor­sätz­lichs­ten Lü­gen sein kann, die El­tern er­zäh­len. Wenn El­tern von un­ter­schied­li­cher Re­li­gion sind, dann ei­ni­gen sie sich häu­fig, dass ihre Kin­der “als Xe er­zo­gen” wer­den. Und es funk­tio­niert. Die Kin­der wach­sen folg­sam auf und be­trach­ten sich als Xe, trotz der Tat­sa­che, dass, wenn sich seine El­tern an­ders ent­schie­den hät­ten, sie auf­ge­wach­sen wä­ren im Glau­ben, sie seien Ye.

Ein Grund, wa­rum dies so gut funk­tio­niert, ist die zweite Art Lüge. Die Wahr­heit ist All­ge­mein­gut. Du kannst dich und deine Gruppe nicht ab­gren­zen, in­dem ihr ra­tio­nale Dinge tut, und in­dem ihr Dinge glaubt, die wahr sind. Wenn du dich von an­de­ren Men­schen ab­set­zen willst, dann musst du Dinge tun, die will­kür­lich sind, und Dinge glau­ben, die falsch sind. Und nach­dem sie ihr gan­zes Le­ben da­mit ver­bracht ha­ben, Dinge zu tun, die will­kür­lich sind, und Dinge zu glau­ben, die falsch sind, und von “Aus­sen­sei­tern” dies­be­züg­lich als son­der­bar be­trach­tet wor­den zu sein, muss die ko­gni­tive Dis­so­nanz, die dazu treibt, Kin­der dazu zu brin­gen, sich als Xe zu be­trach­ten, rie­sig sein. Wenn sie kein X sind, wa­rum hän­gen sie dann an all die­sen will­kür­li­chen Glau­bens­sät­zen und Gebräuchen?‘Wenn sie kein X sind, wa­rum wer­den sie dann von al­len nicht-X so genannt?

Diese Form der Lüge ist nicht ohne Nut­zen. Man kann sie dazu ein­set­zen, eine ganze La­dung nütz­li­chen Glau­bens zu über­tra­gen, und diese wird dazu noch ein Teil der kind­li­chen Iden­ti­tät wer­den. Du kannst dem Kind sa­gen, dass, ab­ge­se­hen da­von dass sie nie­mals gelb tra­gen, zu glau­ben, die Welt sei von ei­nem Rie­sen­ha­sen er­schaf­fen wor­den, vor dem Fisch es­sen im­mer mit den Fin­gern zu schnal­zen, seien Xe aus­ser­dem be­son­ders ehr­lich und fleis­sig. Dann wach­sen X-Kinder mit dem Glau­ben auf, zu ih­rer Iden­ti­tät ge­höre Ehr­lich­keit und Fleiss.

Dies ist ver­mut­lich der Grund, wes­halb sich die mo­der­nen Re­li­gio­nen der­mas­sen aus­ge­brei­tet ha­ben, und er­klärt, wa­rum ihre Dok­trin eine Kom­bi­na­tion des Nütz­li­chen und des Bi­zar­ren ist. Das Bi­zarre ist jene Hälfte, die da­für sorgt, dass die Re­li­gion haf­ten bleibt, und die Nütz­li­che Hälfte ist die La­dung. [6]

Au­to­ri­tät

Ei­ner der am we­nigs­ten ent­schuld­ba­ren Gründe, dass Er­wach­sene Kin­der an­lü­gen, ist, Macht über sie zu ha­ben. Manch­mal sind diese Lü­gen echt böse, wie etwa wenn der Be­läs­ti­ger dem Kind sagt, dass es Ärger kriegt, wenn es je­man­dem er­zählt, was ihm ge­rade zu­ge­stos­sen ist. An­dere schei­nen un­schul­di­ger. Es hängt da­von ab, wie schlimm Er­wach­sene lü­gen um ihre Macht zu be­wah­ren, und wozu sie diese Macht einsetzen.

Die meis­ten Er­wach­se­nen ma­chen ge­wisse Be­mü­hun­gen, ihre Schwä­chen vor Kin­dern zu ver­ste­cken. Ge­wöhn­lich sind ihre Mo­tive ge­mischt. Zum Bei­spiel ver­steckt ein Va­ter, der eine Af­färe hat, diese Tat­sa­che ge­wöhn­lich vor sei­nen Kin­dern. Seine Mo­ti­va­tion ist teil­weise, dass ih­nen das Angst ma­chen würde, teil­weise weil dies zum Thema Se­xua­li­tät füh­ren würde, und teil­weise (und zwar zu ei­nem grös­se­ren Teil als er gerne zu­ge­ben würde), weil er sich vor ih­nen keine Blösse ge­ben will.

Wenn du ler­nen willst, wel­che Art von Lü­gen Kin­dern er­zählt wer­den, dann musst di fast alle diese Bü­cher le­sen, die mit der Ab­sicht ge­schrie­ben wur­den, ih­nen “The­men” bei­zu­brin­gen. [7] Pe­ter Mayle hat ei­nes ge­schrie­ben mit dem Ti­tel Wa­rum las­sen wir uns schei­den? Es be­ginnt mit den drei wich­tigs­ten Din­gen ei­ner Schei­dung. Ei­nes da­von ist:

Du soll­test nie ei­nem ein­zi­gen El­tern­teil die Schuld ge­ben, weil eine Schei­dung nie nur der Feh­ler ei­ner ein­zi­gen Per­son ist. [8]

Tat­säch­lich? Wenn ein Mann mit sei­ner Se­kre­tä­rin durch­brennt, ist es dann im­mer auch zum Teil die Schuld sei­ner Frau? Aber ich kann durch­aus se­hen, wa­rum Mayle dies ge­sagt hat. Viel­leicht ist es wich­ti­ger, dass Kin­der ihre El­tern re­spek­tie­ren, als dass sie die Wahr­heit über sie wissen.

Aber weil Er­wach­sene ihre Schwä­chen ver­ste­cken, und weil sie gleich­zei­tig auf ho­hen Ver­hal­tens­stan­dards für Kin­der be­ste­hen, wach­sen viele Kin­der mit dem Ge­fühl auf, hoff­nungs­lose De­fi­zite zu ha­ben. Sie lau­fen mit furcht­ba­ren Schuld­ge­füh­len herum, weil sie mal wie­der ein Fluch­wort be­nutzt ha­ben, wäh­rend in der Tat die meis­ten Er­wach­se­nen um sie herum noch viel schlim­mere Dinge tun.

Dies ge­schieht so­wohl in in­tel­lek­tu­el­len, als auch in mo­ra­li­schen Fra­gen. Je selbst­be­wuss­ter die Leute sind, desto mehr schei­nen sie die Frei­heit zu ha­ben, eine Frage mit “Ich weiss nicht” zu be­ant­wor­ten. We­ni­ger selbst­be­wusste Men­schen den­ken, dass sie un­be­dingt eine Ant­wort ge­ben müss­ten, weil sie sonst schlecht da­ste­hen wür­den. Meine El­tern wa­ren ziem­lich gut darin, zu­zu­ge­ben, wenn sie et­was nicht wuss­ten, aber mir müs­sen ziem­lich viele sol­cher Lü­gen auf­ge­tischt wor­den sein von Leh­rern, weil ich sel­ten ei­nen Leh­rer habe “das weiss ich nicht” sa­gen hö­ren, bis ich ins Col­lege ging. Ich er­in­nere mich so ge­nau daran, weil es so über­ra­schend war, je­mand dies vor der gan­zen Klasse sa­gen zu hören.

Den ers­ten Hin­weis dar­auf, dass Leh­rer nicht all­wis­send sind, be­kam ich in der sechs­ten Klasse, nach­dem mein Va­ter bei et­was, was ich in der Schule ge­lernt hatte, wi­der­spro­chen hatte. Als ich pro­tes­tierte, dass der Leh­rer das Ge­gen­teil ge­sagt hatte, ant­worte mein Va­ter, dass der Kerl nicht die lei­seste Ah­nung hatte, wo­von er über­haupt sprach — dass er letzt­lich nur ein Pri­mar­schul­leh­rer sei.

Nur ein Leh­rer? Der Satz schien mir da­mals fast gram­ma­ti­ka­lisch falsch for­mu­liert. Wuss­ten Leh­rer denn nicht al­les über die The­men, die sie lehr­ten? And wenn nicht, wa­rum wa­ren sie dann die­je­ni­gen, die uns lehrten?

Die trau­rige Tat­sa­che ist, dass Leh­rer der ame­ri­ka­ni­schen öffent­li­chen Schule ganz all­ge­mein das Ma­te­rial, das sie leh­ren, eher schlecht be­herr­schen. Es gibt ein paar löb­li­che Aus­nah­men, aber in der Re­gel sind Leute, die in die Lehre ge­hen wol­len, aka­de­misch eher am un­te­ren Ende der College-Absolventen an­zu­sie­deln. Da­her zeigt die Tat­sa­che, dass ich mit 11 im­mer noch dachte, dass Leh­rer un­fehl­bar seien, was für ei­nen gründ­li­chen Ar­beit das Sys­tem mit mei­nem Hirn ge­leis­tet hat.

Schule

Was Kin­dern in der Schule beige­bracht wird ist eine kom­plexe Mi­schung von Lü­gen. Die ent­schuld­bars­ten sind die­je­ni­gen, die er­zählt wer­den, um Ideen zu ver­ein­fa­chen, um sie leich­ter er­lern­bar zu ma­chen. Das Pro­blem ist, dass viel Pro­pa­ganda in den Lehr­plan hin­ein­ge­schmug­gelt wird im Na­men der Vereinfachung.

Schul­bü­cher re­prä­sen­tie­ren ei­nen Kom­pro­miss zwi­schen dem, was ver­schie­dene Grup­pen den Kin­dern beige­bracht ha­ben wol­len. Die Lü­gen sind sel­ten of­fen­kun­dig. Ge­wöhn­lich be­ste­hen sie ent­we­der aus Aus­las­sun­gen, oder aus Über­be­to­nun­gen ge­wis­ser The­men auf Kos­ten an­de­rer. Die Sicht auf Ge­schichte, die wir in der Pri­mar­schule be­ka­men, war eine rohe Ha­gio­gra­phie, mit min­des­tens ei­nem Ver­tre­ter je­der macht­vol­len Gruppe.

Die be­rühm­ten Wis­sen­schaft­ler, an die ich mich er­in­nere, sind Ein­stein, Ma­rie Cu­rie und Ge­orge Wa­shing­ton Car­ver. Ein­stein war eine grosse Sa­che, weil seine Ar­beit zur Atom­bombe führte. Ma­rie Cu­rie hatte mit Rönt­gen­strah­len zu tun. Aber Car­ver hat mich ver­wirrt. Er schien ir­gend­wel­che Dinge mit Erd­nüs­sen an­ge­stellt zu haben.

Es ist heute of­fen­sicht­lich, dass er auf der Liste war, weil er schwarz war (und Ma­rie Cu­rie war auf der Liste, weil sie eine Frau war), aber als Kind war ich jah­re­lang ver­wirrt des­we­gen. I frage mich, ob es nicht bes­ser ge­we­sen wäre, uns ganz ein­fach die Wahr­heit zu sa­gen: Dass es keine be­rühm­ten schwar­zen Wis­sen­schaft­ler gab. Ge­orge Wa­shing­ton Car­ver auf die­selbe Ebene wie Ein­stein zu he­ben hat uns nicht nur in Be­zug auf die Wis­sen­schaft ir­re­ge­lei­tet, son­dern auch be­züg­lich der Hür­den, die Schwarze da­mals zu über­win­den hatten.

Wäh­rend die The­men sanf­ter wur­den, wur­den die Lü­gen häu­fi­ger. Zu der Zeit, als wir zu Po­li­tik und ak­tu­el­ler Ge­schichte ka­men, war das, was uns beige­bracht wurde, fast reine Pro­pa­ganda. Zum Bei­spiel wurde uns beige­bracht, die po­li­ti­schen Füh­rer als Hei­lige zu be­trach­ten — be­son­ders Ken­nedy und King, die erst vor kur­zem den Mär­ty­rer­tod ge­stor­ben wa­ren. Es war er­staun­lich, spä­ter zu ler­nen, dass beide no­to­ri­sche Schür­zen­jä­ger wa­ren, und dass Ken­nedy ein ganz be­son­de­rer Wüst­ling war (zu der Zeit, als King’s Pla­gia­ris­mus zum Vor­schein kam, hatte ich die Fä­hig­keit, von den schlech­ten Ta­ten be­rühm­ter Leute über­rascht zu wer­den, be­reits verloren).

Ich be­zweifle, dass man Kin­dern ak­tu­elle Ge­schichte bei­brin­gen kann, ohne ih­nen Lü­gen zu er­zäh­len, weil prak­tisch je­der, der in die­sem Be­reich ir­gend et­was zu sa­gen hat, sei­nen be­son­de­ren Dreh da­zu­zu­ge­ben hat. Die ak­tu­ellste Ge­schichte be­steht nur noch aus Dreh. Wahr­schein­lich wäre es das Beste, nur noch sol­che Meta-Fakten zu lehren.

Die wahr­schein­lich grösste Lüge, die in Schu­len ge­lehrt wird, ist al­ler­dings, dass der Weg zum Er­folg durch das Be­fol­gen von “den Re­geln” führt. Ge­nau ge­nom­men sind die meis­ten die­ser Re­geln nur zu­sam­men­ge­stop­pelt, um grosse Grup­pen ef­fi­zi­ent zu managen.

Frie­den

Von all den Grün­den, wes­halb wir Kin­der an­lü­gen, ist der mäch­tigste wahr­schein­lich der­selbe ba­nale Grund, wa­rum sie uns anlügen.

Häu­fig, wenn wir Men­schen an­lü­gen, ist es nicht teil ei­ner be­wuss­ten Stra­te­gie, son­dern weil sie auf die Wahr­heit hef­tig rea­gie­ren wür­den. Kin­der, fast de­fi­ni­ti­ons­ge­mäss, geht die Selbst­kon­trolle ab. Sie rea­gie­ren hef­tig auf die Dinge — und des­halb wer­den sie auch häu­fig an­ge­lo­gen. [9]

Vor ein paar Thanks­gi­vings hat sich ein Freund von mir in ei­ner Si­tua­tion wie­der­ge­fun­den, die auf per­fekte Weise die kom­ple­xen Mo­tive il­lus­triert, die wir ha­ben, wenn wir Kin­der an­lü­gen. Wäh­rend der ge­bra­tene Trut­hahn auf dem Tisch auf­tauchte, fragte sein er­schre­ckend scharf­sin­ni­ger 5-jähriger Sohn plötz­lich, ob der Trut­hahn ei­gent­lich frei­wil­lig ge­stor­ben sei. Die Ka­ta­stro­phe vor­aus­se­hen, be­eil­ten sich mein Freund und seine Frau rasch, zu im­pro­vi­sie­ren: Ja, der Trut­hahn wollte frei­wil­lig ster­ben, und in der Tat hatte sein gan­zes Le­ben mit dem Wunsch ver­bracht, ein Thanksgiving-Essen sein zu dür­fen. Und das (Uff!) war das Ende davon.

Wann im­mer wir Kin­der an­lü­gen, um sie zu be­schüt­zen, lü­gen wir ver­mut­lich ebenso sehr um den Frie­den zu bewahren.

Eine Kon­se­quenz die­ser Art von be­ru­hi­gen­der Lüge ist die, dass wir auf­wach­sen mit dem Ge­dan­ken, dass ganz furcht­bare Dinge ganz nor­mal sind. Es fällt uns schwer, über et­was, wo wir buch­stäb­lich dar­auf trai­niert wur­den, uns keine Sor­gen zu ma­chen, ein Ge­fühl von Dring­lich­keit zu ver­spü­ren wie Er­wach­sene. Als ich etwa 10 war sah ich eine Do­ku­men­ta­tion über Um­welt­ver­schmut­zung, die mich in Pa­nik ver­setzte. Es schien, als ob der Pla­net un­wie­der­bring­lich rui­niert war. Ich ging da­nach zu mei­ner Mut­ter, um sie zu fra­gen, ob dem tat­säch­lich so sei. Ich er­in­nere mich zwar nicht an ihre Ant­wort, aber ich fühlte mich wie­der bes­ser, und so hörte ich auf, mir Sor­gen zu machen.

Das war wahr­schein­lich die beste Art, mit ei­nem ve­ängs­tig­ten 10-jährigen um­zu­ge­hen. Aber wir soll­ten den Preis da­für ver­ste­hen. Diese Art Lüge ist ei­ner der Haupt­gründe, wa­rum die Dinge so blei­ben, wie sie sind: Wir wur­den alle dar­auf trai­niert, sie zu ignorieren.

Ent­gif­tung

Ein Sprin­ter geht in ei­nem Ren­nen fast so­fort in ei­nen Zu­stand über, der “Sau­er­stoff­man­gel” ge­nannt wird. Sein Kör­per schal­tet auf eine Not­en­er­gie­ver­sor­gung um, die schnel­ler ist als die re­gu­läre ae­ro­bi­sche Ath­mung. Doch die­ser Pro­zess bil­det Ab­fall­pro­dukte, die letz­lich zu­sätz­li­chen Sau­er­stoff er­for­dern, um sie los­zu­wer­den, wes­we­gen er am Ende des Ren­nens an­hal­ten und eine Weile nach Luft rin­gen muss um sich wie­der zu erholen.

Wir lei­den bei Er­rei­chen des Er­wach­se­nen­al­ters un­ter ei­ner Art Wahr­heits­man­gel. Es wur­den uns viele Lü­gen er­zählt, um uns (und un­sere El­tern) durch un­sere Kind­heit hin­durch zu brin­gen. Ei­nige da­von wa­ren viel­leicht not­wen­dig. Ei­nige wahr­schein­lich nicht. Aber wir er­rei­chen alle das Er­wach­se­nen­al­ter mit ei­nem Kopf vol­ler Lügen.

Es gibt nie­mals den Zeit­punkt, wo die Er­wach­se­nen sich mit ei­nem hin­set­zen und uns all die Lü­gen, die sie uns er­zählt ha­ben, er­klä­ren. Sie ha­ben die meis­ten ver­ges­sen. Da­her: Wenn du diese Lü­gen aus dei­nem Kopf hin­aus­be­för­dern willst, dann wirst du das sel­ber tun müssen.

We­nige tun das. Die meis­ten Men­schen ge­hen durchs Le­ben mit Stü­cken von Ver­pa­ckungs­ma­te­rial, das an ih­rem Ver­stand kle­ben ge­blie­ben ist, und mer­ken es gar nicht. Wahr­schein­lich ist es gar nicht mög­lich, alle Wir­kun­gen, die Lü­gen, die uns als Kind er­zählt wur­den, auf uns ha­ben, kom­plett auf­zu­he­ben. Aber es ist es wert, es we­nigs­tens zu ver­su­chen. Meine ei­gene Er­kennt­nis war, dass, wenn im­mer ich es schaffte, eine Lüge, die mir er­zählt wor­den war, aus dem Weg zu schaf­fen, dass dann viele Dinge wie von selbst an ih­ren rich­ti­gen Ort rücken.

Glück­li­cher­weise be­kommst du eine wert­volle neue Res­source, so­bald du die Er­wach­se­nen­grenze über­schrei­test, die du dazu be­nüt­zen kannst, die Lü­gen, die dir er­zählt wor­den sind, auf­zu­de­cken. Du bist jetzt sel­ber ei­ner der Lüg­ner. Du bist jetzt in der Lage, in den Ku­lis­sen zu be­ob­ach­ten, wie die Er­wach­se­nen die Welt ver­dre­hen für die nächste Ge­ne­ra­tion von Kindern.

Der erste Schritt, ei­nen kla­ren Kopf zu be­kom­men, ist, zu er­ken­nen, wie weit du da­von ent­fernt bist, ein neu­tra­ler Be­ob­ach­ter zu sein. Als ich die High School ver­liess, dachte ich, ich sei ein kom­plet­ter Skep­ti­ker. Ich hatte er­kannt, dass die High School Schrott ist. Ich dachte, ich sei be­reit, al­les zu hin­ter­fra­gen, was ich wusste. Aber un­ter vie­len an­de­ren Din­gen war ich völ­lig ah­nungs­los, wie viele Trüm­mer sich be­reits in mei­nem Kopf be­fan­den. Es ge­nügt nicht, dei­nen Ver­stand als leere Ta­fel zu ver­ste­hen. Du musst sie be­wusst auslöschen.

An­mer­kun­gen

[] Ei­ner der Gründe, wes­halb ich bei ei­nem so grau­sam ein­fa­chen Wort ge­blie­ben bin, ist, dass die Lü­gen, die wir un­se­ren Kin­dern er­zäh­len, wahr­schein­lich gar nicht so harm­los sind, wie wir den­ken. Wenn man sich an­schaut, was Er­wach­sene frü­her Kin­dern er­zählt ha­ben, ist es scho­ckie­rend, wie sehr sie sie be­lo­gen ha­ben. Wie wir ha­ben sie es mit den bes­ten Ab­sich­ten ge­tan. Wenn wir da­her den­ken, wir seien so of­fen wie man ver­nünf­ti­ger­weise mit Kin­dern sein könne, dann ma­chen wir uns ver­mut­lich et­was vor. Die Chan­cen ste­hen gut, dass Men­schen in 100 Jah­ren ge­nau so scho­ckiert sein wer­den über ei­nige der Lü­gen, die wir von uns ge­ben, wie wir es sind über die Lü­gen, die vor 100 Jah­ren er­zählt wurden.

I kann nicht vor­aus­sa­gen, wel­che dies sein wer­den, aber ich will auch kei­nen Es­say schrei­ben, der in 100 Jah­ren dumm er­scheint. Des­halb werde ich ein­fach alle un­sere Lü­gen Lü­gen nen­nen, und nicht spe­zi­elle Eu­phe­mis­men be­nut­zen für Lü­gen, die nach heu­ti­ger Mode ent­schuld­bar erscheinen.

(Ich habe eine Art weg­ge­las­sen: Jene, die er­zählt wer­den, um mit der Leicht­gläu­big­keit von Kin­dern Spiel­chen zu spie­len. Diese spie­len sich ab im Be­reich “So tun als ob,” was nicht wirk­lich eine Lüge ist, son­dern mit ei­nem Au­gen­zwin­kern er­zählt wird, bis zu den furcher­re­gen­den Lü­gen, die ei­nem von den älte­ren Ge­schwis­tern er­zählt wer­den. Dazu gibt es nicht viel zu sa­gen: Die ers­te­ren möchte ich nicht mis­sen, und die zwei­te­ren wird es im­mer geben.)

[] Ca­la­price, Alice (Her­aus­ge­be­rin), The Quo­ta­ble Ein­stein, Prin­ce­ton Uni­ver­sity Press, 1996

[] Wenn man El­tern da­nach fragt, wa­rum Kin­der nicht flu­chen sol­len, so ant­wor­ten die we­ni­ger Ge­bil­de­ten übli­cher­weise mit Fragen-heischenden Er­klä­run­gen wie “Es ist un­an­ge­mes­sen,” wäh­rend die Ge­bil­de­te­ren aus­ge­klü­gelte Ra­tio­na­li­sie­run­gen von sich ge­ben. In der Tat schei­nen die we­ni­ger Ge­bil­de­ten nä­her an der Wahr­heit zu sein.

[] Wie mir ein Freund mit klei­nen Kin­dern auf­ge­zeigt hat, ist es leicht für kleine Kin­der, sich für un­sterb­lich zu hal­ten, weil die Zeit für sie so lang­sam zu ver­strei­chen scheint. Für ei­nen Drei­jäh­ri­gen fühlt sich ein Tag etwa so an wie ein Mo­nat für ei­nen Er­wach­se­nen. Darum klin­gen 80 Jahre für ihn, wie 2400 Jahre für uns klin­gen würden.

[] Ich rea­li­siere, dass ich mir un­end­li­chen Ärger ein­han­deln werde da­für, dass ich Re­li­gio­nen als eine Art Lüge klas­si­fi­ziere. Ge­wöhn­lich um­ge­hen die Leute diese Pro­ble­ma­tik mit ei­ner Mehr­deu­tig­keit im Sinne des­sen, dass Lü­gen, die für ge­nü­gend lange Zeit durch eine ge­nü­gend grosse An­zahl Men­schen ge­glaubt wur­den, im­mun sind für die nor­ma­len Stan­dards für Wahr­heit. Da ich aber nicht vor­her­sa­gen kann, wel­che Lü­gen zu­künf­tige Ge­ne­ra­tio­nen für un­ent­schuld­bar hal­ten wer­den, kann ich kor­rek­ter­weise keine Art weg­las­sen. Ja, es er­scheint un­wahr­schein­lich, dass Re­li­gion in 100 Jah­ren aus­ser Mode ge­rät, aber auch nicht un­wahr­schein­li­cher, als es je­mand im Jahre 1880 er­schie­nen wäre, dass Schul­kin­dern im Jahre 1980 beige­bracht wird, dass Mas­tur­ba­tion völ­lig nor­mal ist und dass man kein schlech­tes Ge­wis­sen zu ha­ben braucht deswegen.

[] Un­glück­li­cher­weise kann die La­dung so­wohl aus gu­ten als auch aus schlech­ten Ge­bräu­chen be­ste­hen. Zum Bei­spiel gibt es be­stimmte Qua­li­tä­ten, die ge­wisse Grup­pen in Ame­rika als “sich weiss ver­hal­ten” be­trach­ten. In Tat und Wahr­heit könnte man die meis­ten “sich Ja­pa­nisch ver­hal­ten” nen­nen. Es ist nichts be­son­ders weis­ses an die­sen Ge­bräu­chen. Sie sind al­len Kul­tu­ren ge­mein, die eine lange Tra­di­tion des in-den-Städten-lebens auf­wei­sen. Wenn eine Gruppe sich durch das Ge­gen­teil de­fi­niert, so steht sie da­mit ver­mut­lich auf ver­lo­re­nem Posten.

[] In die­sem Kon­text be­deu­tet “The­men” grund­sätz­lich “Dinge, über die wir Lü­gen er­zäh­len wer­den.” Des­halb ha­ben diese Be­reich ei­nen be­son­de­ren Namen.

[] Mayle, Pe­ter, Why Are We Get­ting a Di­vorce?, Har­mony, 1988

[] Die Iro­nie daran ist fol­gende: Dies ist gleich­zei­tig der Haupt­grund, wes­halb Kin­der Er­wach­sene an­lü­gen. Falls du aus­flippst, wenn dir die Leute alar­mie­rende Dinge er­zäh­len, dann wer­den sie eben auf­hö­ren, sie dir zu er­zäh­len. Teen­ager er­zäh­len ih­ren El­tern nicht, was an je­nem Abend pas­siert ist, als sie bei ei­nem Freund über­nach­ten soll­ten, aus dem­sel­ben Grund, aus dem El­tern ih­rem Fünf­jäh­ri­gen nicht er­zäh­len, was es ge­nau mit dem Thanksgivings-Truthahn auf sich hat. Sie wür­den aus­flip­pen, wenn sie es wüssten.

Danke an Sam Alt­man, Marc An­d­rees­sen, Tre­vor Black­well, Pa­trick Coll­i­son, Jes­sica Li­vings­ton, Ja­ckie Mc­Do­no­ugh, Ro­bert Mor­ris, and Da­vid Sloo für das Le­sen der Ent­würfe die­ses Es­says. Und da es ei­nige kon­tro­verse Ideen hier hat, sollte ich er­gän­zen, dass kei­ner von ih­nen mit al­lem ein­ver­stan­den war.

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